Deutsch-britisches Jugendprojekt »Bridging Voices« nimmt erste Formen an
Mit einem Besuch in Oldham (Greater Manchester) hat der Verein Miteinander leben e.V. die Planungsphase des deutsch-britischen Jugendprojekts »Bridging Voices« im Rahmen des transnationalen Förderprogramms 'Cultural Bridge' eingeläutet. Dort traf sich eine kleine Delegation aus Mölln und Umgebung mit den britischen Projektpartnern von Peshkar Productions. Im Vordergrund des ersten Treffens stand vor allem das gegenseitige Kennenlernen.
Bei einem gemeinsamen Rundgang durch Oldham wurden die besonderen Herausforderungen der Stadt diskutiert, die einen enormen, postindustriellen Strukturwandel zu bewältigen hat. Oldham war in der Vergangenheit eine Hochburg der Industrialisierung. Sie entwickelte sich zu ihrer heutigen Größe im ausgehenden 19. Jahrhundert und war in ihrer Blütezeit geprägt durch zahlreiche Baumwollwebereien, um die sich typisch britische Arbeiterviertel bildeten. Ein großformatiges Panoramabild in der Oldham Gallery zeigt dies heute noch eindrucksvoll.
In den Zeiten des wirtschaftlichen Wohlstands wurden viele Menschen aus Pakistan und Bangladesch als Arbeitskräfte angeworben, die in den Webereien ein Auskommen für sich und ihre Familien fanden. Der Umbruch und Niedergang begannen in den späten 1970er-Jahren, als viele Webereien aufgrund des Lohngefälles ihre Produktion in Länder wie Bangladesch, Indien oder Pakistan verlagerten. Die Stadt verlor in sehr kurzer Zeit eine wesentliche Lebensgrundlage für viele Menschen, was auch zu sozialen Spannungen und Diskriminierungen führte. Verbliebene Jobs, überwiegend im Staatssektor, wurden vor allem für weiße Bevölkerungsteile zur Existenzgrundlage, während sich eingewanderte Arbeiterfamilien mit kleinen Geschäften oder Dienstleistungen über Wasser halten mussten. Die Stadt verlor dabei ihre identitätsbildende Bindungskraft. In der Folge entwickelte sich eine bis heute wahrnehmbare Abgrenzung von Stadtteilen entlang der Einkommenssituation und der ethnischen Zugehörigkeit. Dies zeigt sich exemplarisch in Stadtteilen wie Lees: Dort hat sich aufgrund des günstigen Wohnraums in den vergangenen Jahrzehnten eine überwiegend muslimische Bevölkerung angesiedelt – verbunden mit den sichtbaren Folgen einer ethnisch abgegrenzten Schullandschaft und aufgegebenen Kirchen der Church of England.
Die andauernde Perspektivlosigkeit der Stadt führte auch zu rassistischen Ressentiments, die sich im Jahr 2001 über mehrere Tage gewaltsam entluden. Auslöser waren Medienberichte über vermeintlich hohe Kriminalitätsraten in Stadtteilen, die überwiegend von Menschen pakistanischer Herkunft bewohnt wurden. In der Folge nahmen Attacken rechtsextremer Jugendgruppen auf Ladenbesitzer, Passanten und Taxifahrer zu, ohne dass die Polizei dies wirksam eindämmen konnte. Die Einwohner dieser Stadtteile organisierten zeitweise selbst ihre Sicherheit und stellten sich den rassistisch motivierten Angriffen entgegen.
Als Ergebnis dieser Unruhen ist bei den Betroffenen ein tiefes Misstrauen geblieben, das bis heute auch bei jungen Menschen nachwirkt. Genau dies soll das Thema für die gemeinsame Arbeit im Jugendprojekt »Bridging Voices« sein. Darauf einigten sich alle Beteiligten im Rahmen einer ersten Planungssitzung, auf der bereits die Idee einer künstlerischen 'Laborwoche' intensiv diskutiert wurde. Junge Menschen sollen hierbei durch unterschiedliche Kreativangebote motiviert werden, ihren Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung Ausdruck zu verleihen. Wie das genau aussehen kann, soll bei einem Gegenbesuch von Peshkar Productions im September ausgearbeitet werden. Dabei wird auch die Geschichte der Möllner Brandanschläge einfließen: Der Verein Miteinander leben e.V. übergab vorbereitend eine ins Englische übersetzte Version der Ausstellung 'Mölln nach Mölln', die von den Kollegen in Oldham mit großem Interesse aufgenommen wurde.
Eine weitere Station führte die Delegation des Vereins Miteinander leben e.V. zur Universität Leicester. Dort traf sie sich mit Dr. Amy Clarke vom 'Center for Hate Studies', das vor rund einem Jahr die viel diskutierte Studie des 'Rural Racism Project' veröffentlicht hatte. Zusammen wurde über wichtige Aspekte dieser Studie gesprochen, die auch für die Projektentwicklung bei "Bridging Voices" relevant sein können. Dr. Clarke sicherte hierbei ihre Expertise zu.
Am Ende dieser Planungsphase soll nach Möglichkeit ein Antrag für die zweite Förderphase von 'Cultural Bridge' entstehen, in der die Vorhaben dann umgesetzt werden könnten. 'Cultural Bridge' fördert bilaterale Kulturpartnerschaften zwischen dem Vereinigten Königreich und Deutschland durch die Zusammenarbeit von Arts Council England, Arts Council of Northern Ireland, British Council, Creative Scotland, Fonds Soziokultur, Goethe-Institut London und Wales Arts International / Arts Council of Wales. Im Mittelpunkt der Förderung stehen Projekte, die sich der gesellschaftlichen Entwicklung und der Arbeit mit Gemeinschaften verschrieben haben.
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